Thomas C. Breuer

Next Stop Bluegrass

 Hinter einem Hartriegelstrauch kollert ein wilder Truthahn, begleitet von lautstarken Un­muts­äusserungen übernächtigter Wildkatzen und spät heimkehrender Flughörnchen. Ein paar delirierende Vögel runden die Akustik ab. Eine idyllische Lichtung an einem kleinen Tümpel. Ein bisschen Bodennebel, wie man ihn gerne in den Fotostrecken von National Geographic sieht. Das Gras schimmert bläulich, Berg­lorbeer schmiegt sich in die Brise von Osten. Der Sassafrasslorbeer muckst sich nicht. Giftsumach wartet auf Kundschaft. Immer wieder passiert er verbeulte Zielscheiben, die entfernt an Ortsschilder erinnern.

 Der Auftrag: Für eine Dokumentation die letzten Väter des Bluegrass auftreiben. Vielleicht auch ein paar Mütter. Georgia, die Carolinas, Tennessee, Kentucky. Vielleicht kennen sie ja hier in diesem Laden jemanden. Im vorderen Bereich verkaufen sie Lebensmittel, Südstaa­ten­fahnen, Muskelshirts in Tarnfarben, Munition, Südstaatenwimpel, Fallen, Fliegennetze, Büchsengerichte, Südstaatenaufkleber, Campingkocher, Fischköder und allerlei Zeugs zum Überleben in der Wildnis. Die Kleiderordnung der Anwesenden bewegt sich zwischen ge­fechtsbereiten Soldaten und Kriegsberichterstattern. Tätowierungen als mobile Höhlen­malereien. Das Ausspucken von Tabak­säften scheint zu den gängigen Düngemethoden zu zählen, denn aus den Bodenplanken spriessen ein paar Halme. An den Wänden Wimpel, gerahmte Medail­len, Fahnen, Zeitungsartikel, Steckbriefe, massenhaft Holzkreuze, Aufkleber wie „Eat More Possum!“ und eine grosse Christusfigur direkt rechts neben dem Pinup-Foto von Dolly Parton, das auch mindestens dreissig Jahre alt ist. Wahrscheinlich wird das Anwe­sen nur von den zahlreichen Spinnweben am Auseinanderfallen gehindert. Warum müs­sen diese Countryläden immer so verwarzt aussehen? Seine Befindlichkeit bessert sich nicht, als er zwei Quarter in einen Pistazienautomaten steckt und ein, zwei Nüsse aus der hohlen Hand pickt, bevor er feststellt, dass die Dinger leben.

 Bluegrass? Kopfschütteln. Schlangenkirchen ja, die gibt es überall im alten Süden. Die Kirche Gottes der Zeichen und Wunder, wie sie offiziell heisst. Sie berufen sich auf ein Wort der Bi­bel, wonach wahren Gläubigen der Biss einer Schlange nichts anhaben kann, denn „sie wer­den die Schlangen vertreiben!“ Tatsächlich legen sie sich Klapper- oder Moccassinschlangen um den Hals und fallen dann ins Ekstase. Sie versuchen eine Art Gottesurteil heraus zu kit­zeln: Beisst die Schlange oder beisst sie nicht, und wenn sie beisst, wird man es über­leben? Aber Bluegrass? Nope, Sir. Johnny Cash hat mal gesagt, für ihn sei Gott jemand, der südli­chen Akzent mag und Country Music toleriert. Die Blue Ridge Mountains sind sozusagen die Schnalle des Bibelgürtels. Hier würde es sich nicht unbedingt lohnen, eine atheistische Ra­diostation aufzumachen. Das ist Gottes eigenes Land, und in diesem Land soll es über 1.600 verschiedene Religionen geben, was darf man da erwarten?

 Atlanta liegt vielleicht vier, fünf Stunden entfernt, aber irgendwo zwischendrin muss sich die Zivilisation verabschiedet haben. Um schwarze Löcher zu finden, musste man nicht erst in den Kosmos reisen. Aber, wie Harry Truman schon sagte: Ein Mann muss einfach weiter reiten, oder er wird verschlungen. Wenigstens das Radio hat ein Einsehen und sendet Doyle Lawson. „Music you can’t hear on the radio“ heisst die Show. Mehrmals wechselt er die Staats­grenzen, von Georgia über Tennessee nach North bzw. South Carolina und retour.

 Die übliche Ansammlung von Klischees. Aber wo sind die alten Musiker? Er hat alles abge­grast. Als erstes die Front Porches, das natürliche Habitat dieser Spezies. Nichts. Er hat Hin­terwäldler befragt. Nichts. Vorderwäldler – noch weniger als nichts. Dabei waren die Schilder vielver­sprechend: „Achtung! Fiddler kreuzen die Fahrbahn!“ Oder: „Bassisten nicht füttern!“ Man­che von ihnen stehen längst unter Artenschutz, die besten sollten unter Obhut des Unesco-Weltkultur­erbes gestellt werden. Womöglich braucht es spezielle Aufzuchtpro­gram­me, so­lange das genetische Material noch vorhanden ist. Wer die alten Grasser noch in freier Wild­bahn erleben will, muss sich tummeln.

 Ob womöglich irgendwo ein Festival stattfindet, auf dem sich alle herumtreiben? Telluride? Er erinnert sich an Ba­kersfield, Kalifornien. Was hat er damals geschrieben? »Wer Amerika einmal ganz unver­fälscht und pur erleben möchte, aber eine Aversion gegen Waffenshows hat, dem sei der Besuch eines Bluegrassfestivals empfohlen. Bluegrass ist so amerikanisch wie Hamburger-Helper und Apple-Pie. Es geht nicht um Glitzer und Casting, es ist den Leu­ten völlig egal, wie sie herumlaufen, was oft bedauerlich ist. Die offiziellen Konzerte selbst sind zweit­rangig, das Festival ist interaktiv, die meisten Besucher stehen in Konferenz­räu­men oder auf den Gängen des Hotels und fiedeln und zupfen um ihr Leben, ganze Familien mit dreijährigen Geigenvirtuosen und verbissen lächelnden Eltern. Die Halsschlagadern so dick wie Bass­saiten, die Mandoline unters Kinn geklemmt wie eine „Bolo-Tie“, und dann wird in abge­wohn­ten Anzügen Gott gepriesen auf Teufel komm raus, bis in den Morgen hinein. Gott steht anscheinend auf Falsett. Bluegrass wird allerdings interessanter, wenn man sein Schicksal in die Hände ausgewiesener Kiffer wie Jerry Garcia oder Peter Rowan legt oder wenn er sich mit anderen Musikrichtungen paart, Bands wie Newgrass Revival waren in den 70ern richtungsweisend, später kamen Nickel Creek oder Bearfoot hinzu. Das sog. „ein­fache Leben“: Armut, Grits, Kohle, Mondschein-Whiskey, Waschbären, Predigern, Mandolinen, Haar­festigern, Klapperschlangen, Fiedeln, Giftsu­mach, Konföderier­tenfahnen, Oppossums, Sehnsucht, Schwielen, Sonntagsschulen, Sears & Robuck, blank gescheuerten Tischen, Ver­zweiflung, Gitarren und Bratpfannen, die zu Banjos umgerüstet werden. Also geradewegs so wie in der Serie Justified – minus den Hollywood-Faktor natürlich. Die ehemalige Bluegrass­puristin Alison Krauss, mittlerweile längst zu einer weichgespülten – und einträglicheren – Variante konvertiert, hat es in jungen Jahren auf den Punkt gebracht: „Solange ich ge­nug Geld habe, um mir Haarspray zu kaufen, ist alles in Ordnung!“ Bemer­kenswert, dass Blue­grass in Kalifornien eine Gemeinde hat. Aber es gibt selbst dort mehr Kirchen als Auto­werkstätten und mehr Seelen­schäden denn Blechschäden.«

 Vielleicht sollte er seinem Auftraggeber mal verklickern, dass Bluegrass mittlerweile überall zu finden ist, Colorado, Alaska, Oregon. Muss ein Virus sein.

 © Thomas C. Breuer Rottweil 13.07.2015

( aus "Paradies etc." Maro Verlag )